Fanny Steingraeber

Versteckenspielen, Kultur in schwierigen Zeiten & Weltumseglung

 

Fanny, wann warst du das erste Mal in der Sigrist-Werkstatt?

Ich glaube, als ich 15 Jahre alt war und wir auf dem Rückweg vom Urlaub aus Italien waren, sind wir das erste Mal bei den Sigrists vorbei – damals noch Benis kleiner Werkstatt in Zollikerberg. Meine Familie, also meine Eltern, mein Bruder, unser Hund und ich.

Das letzte Mal war ich vor etwa einem Jahr da, und es ist immer so schön und herzlich bei euch, muss ich sagen. Aber mein Traum ist es, mal bei einem Werkstattkonzert dabei zu sein.

 

Mehr als ein Jahrzehnt später ist es nun umgekehrt, und die Sigrists haben den Kindern eure Steingraeber-Werkstatt gezeigt?

Ja, genau. Laura und Josias waren im Februar 2025 das erste Mal inklusive Jungs hier, um einen neuen Konzertflügel auszusuchen – und haben sich für den E-275 entschieden. Linus und Simon hatten ihren Spass mit den Gralsglocken und haben uns in der Werkstatt beim Zargenbiegen über die Schulter geschaut.

Die Steingraeber-Geschichte ging auch so richtig in einer Klavierwerkstatt los, als dein Ur-ur-ur-ur-ur-Onkel dort Franz Liszt getroffen hat?

Kann man so sagen, ja. Eduard Steingraeber ist damals raus aus seinem Dorf in Thüringen, rein in die Grossstadt, um sich als Klavierbauer in der Werkstatt von Nannette Streicher in Wien weiterzubilden.

Da hat er dann Liszt das erste Mal getroffen und angefangen, Konzertservice für ihn zu machen. Er hat dann auch gemerkt, dass die Konstruktionen der Zeit für das Klavierspiel und die Kompositionen von Franz Liszt nicht ganz angemessen waren. Liszt hat teilweise gespielt, bis der Flügel defekt war – da sind dann mal u. a. Saiten gerissen. Mein Ur-ur-ur-ur-ur-Onkel musste das vor dem Publikum reparieren, damit das Konzert weitergehen konnte.

Dann war es auch so, dass in dieser Zeit, um 1846, die Konzertsäle von etwa 200 auf 2000 Personen angewachsen sind. Das heisst, man musste als Pianohersteller auch nachziehen, mehr Klangvolumen erzeugen und dafür mussten die Instrumente natürlich stabiler werden, damit sie mehr schwingen konnten. So hat er sich irgendwann Gedanken gemacht, wie man die Konstruktion, aber vor allem auch die Mechanik weiterentwickeln kann – und dann Steingraeber Pianos in Bayreuth gegründet. Liszt war ein grosser Einfluss – nicht der einzige, aber ein grosser.

 

Dass Saiten bei einem Konzert reissen, ist heute undenkbar, oder?

Ja, schon. Früher war die Platte, an der die Saiten befestigt sind, noch nicht aus Gusseisen, sondern aus Holz. Wenn man spielte, strapazierte man die Platte mit mehreren Tonnen an Zugkraft – und da konnten schon mal Saiten reissen.

Warum, denkst du, hat er sich Bayreuth als Firmensitz ausgesucht?

Er kam ja aus Neustadt an der Orla – das ist ein ganz süsses Städtchen in Thüringen, ich war einmal da. Für ihn war Bayreuth in dem Sinne die grosse Stadt in der Nähe von zu Hause – selbst bevor es durch Liszt und Wagner zur Kulturstadt wurde.

Das berühmte barocke Opernhaus ist übrigens nicht unbedingt durch Wagner entstanden, sondern eher durch die Markgräfin von Bayreuth – die wollte es sich hier schön machen.

Sie war nämlich die Schwester von Friedrich dem Grossen und dachte eine Zeit lang, sie würde Königin von England werden. Als es dann etwas Clinch unter den Adligen gab und das nicht ganz geklappt hat, dachte sie sich: Das ist ja schrecklich hier – dann baue ich mir eben ein paar Prestigebauten und mach’s mir schön hier.

Ja, so ist die Entstehungsgeschichte, warum Bayreuth so aussieht, wie es heute aussieht. Sie hat sich schön geärgert – und deswegen haben wir nun eine Reihe schöner Gebäude hier, inklusive des UNESCO-Welterbe-Opernhauses.

 

Und das Opernhaus hat euch dann letztendlich beschert, dass Liszt und Wagner beide viel Zeit in Bayreuth verbracht haben?

Ja, die beiden haben eine Zeit lang direkt nebeneinander hier in Bayreuth gewohnt. Man muss wissen: Wagner war mit der Tochter von Franz Liszt, Cosima Wagner, verheiratet – und deswegen war Liszt dementsprechend oft hier.

So zwei Künstleregos direkt nebeneinander, laut klavierspielend (ohne Stummschaltungssysteme), funktioniert manchmal nicht so gut: Irgendwann hat Wagner Liszt rausgeschmissen. Dann hat Liszt sich gedacht: Okay, dann gehe ich eben zu meinem netten Freund und Konzerttechniker Eduard Steingraeber. So hat er hier im Saal unseres Steingraeber-Palais gespielt, komponiert, Klavierunterricht und kleine Konzerte gegeben.

Was für ein Klatsch und Tratsch – und selbst die Cousine von Mozart und der Dichter Jean Paul haben mal bei euch in der Friedrichstrasse gewohnt?

Ja, das mit dem Duo Liszt/Wagner ist eine bestätigte Geschichte – es gibt wütende Briefe von Cosima Wagner darüber. Anna Thekla Mozart, Robert Schumann und auch Jean Paul, der zu seiner Zeit ein beliebterer Dichter als Goethe war, haben alle mal hier gelebt. Wer sich für die Geschichte bekannter Künstler und Dichter interessiert, für den ist Bayreuth ein wahres Paradies.

Aber auch für Bierliebhaber – denn es gibt das Gerücht, Jean Paul habe sich vor allem hier niedergelassen wegen des Bieres. Wir haben nämlich die grösste Brauereidichte der Welt: In Bayreuth und 40 km Umgebung gibt’s immer noch 250 Brauereien.

Und dann, knapp 150 Jahre nach Eduard Steingraeber, bist du geboren. Habt ihr als Kinder im Steingraeber-Palais Verstecken gespielt?

Ja, ohne Ende. Wir kennen jeden Winkel hier in- und auswendig. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, dass das Haus, als wir Kinder waren, schon so war, wie es jetzt ist. Es war noch lange nicht überall so ausgebaut und renoviert wie heute.

Meine Oma hat was gemacht, was ich total beeindruckend finde: Sie hat angefangen, das Haus so richtig offen zu gestalten – dass jeder, der herkommt, willkommen geheissen wird und was zu essen bekommt. Bis vor ein paar Jahren, hat sie hier mittags oft in der alten Küche Braten gekocht. Durch sie hat sich das durchgesetzt: Wenn man so ein grosses Haus und so viel Platz hat, dass man es auch öffnet, so gut es geht.

Mein Vater hat das dann in ihrem Sinne weitergeführt, indem er noch die Apartments ausgebaut und auch den Konzertsaal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Wenn Kunden kommen und die grosse Lebensentscheidung treffen, welcher Flügel ihr eigener werden soll, dann übernachten sie hier in unserer „Klavierwelt“ ein paar Tage.

Ich habe jetzt schon öfter erlebt, dass Menschen hier 2 Tage verbringen und wirklich vor Freude weinen müssen – weil sie vorher noch nie so viele Pianos auf einmal zur Verfügung hatten und verschiedene Klänge erkunden konnten. Es geht darum, sich Zeit zu lassen und auch mal in die Vergangenheit oder in ein unfertiges Klavier reinzugucken.

Ja, meine Oma hat das alles ins Rollen gebracht – sie ist in dem Sinne und vielen anderen Sachen ein ganz schönes Vorbild. Sie ist leider 2015 mit 98 Jahren gestorben, aber sie hat bis zum Schluss hier bei uns im Haus, in ihrem Bereich mit ihrem Wintergarten gewohnt.

 

Kannst du dich noch dran erinnern, wann du das erste Mal im Festspielhaus warst?

Ja, das war bei einer Generalprobe der Oper Siegfried, inszeniert von Tankred Dorst, und das war etwas zu viel für mich mit elf Jahren. Ich bin nach dem ersten Akt gegangen – die Karte habe ich meinem Bruder gegeben, weil der war Feuer und Flamme. Er hat auch damals schon ohne Ende als Statist im Festspielhaus mitgewirkt.

Ach was – das mit dem Einschlafen hat sich dann aber irgendwann geändert?

Ja, kann man so sagen. Die erste Wagner-Oper, die mich wirklich mitgenommen hat, war „Lohengrin“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels. Die spielt in einem Labor, und die Sänger waren als Laborratten verkleidet. Das hat mich irgendwie in so eine ganz andere Welt entführt. Heute gehe ich so oft wie möglich in die Oper, meistens in Berlin.

 

In Berlin – da wohnst du teilweise?

Ja, etwa zur Hälfte wohne ich in Berlin und zur anderen Hälfte in Bayreuth – mein Partner und Freunde sind da, und ich fühle mich dort auch zu Hause. Ich finde die Kombination aus Klein- und Grossstadt, die ich lebe, schon gut. Ich glaube, dass das im Kopf kreative Freiräume schafft, wenn man Verschiedenes sieht. Das erste Mal bin ich durch ein Praktikum in meinem Studium nach Berlin gekommen – ich habe nämlich Politikwissenschaften studiert.

Warum genau Politikwissenschaften?

Politik ist einfach schon, seit ich 12 bin, ein sehr grosses Interessensgebiet von mir. Ich habe da schon angefangen, Zeitung zu lesen und ich lese heute immer noch wahnsinnig viel – neben Büchern eben auch Zeitung. Ich habe Lust darauf, vieles noch einmal tiefergehend zu verstehen. Auch die theoretischen Ansätze dahinter, in welche Richtungen sich Politik entwickelt oder wie man Politik analysiert.

Das Politikwissenschaftsstudium in Hamburg hatte einen Fokus auf Friedens- und Konfliktforschung, das war auch immer ein Interessensgebiet von mir. Unterm Strich habe ich ganz viel für das, was ich heute mache, gelernt. Zum Beispiel über Themen wie Emotionen in Konflikten und welche Kommunikationsstrategien es dafür gibt.

Aber du kommst immer wieder gerne zurück aus Berlin nach Bayreuth – um das Holz in eurer Werkstatt zu riechen?

Ja genau – hauptsächlich riechen wohl die Holzspäne. Fichten- und Buchenholz verwenden wir am meisten, was zum grossen Teil aus dem Bayerischen Wald und den bayerischen Alpen kommt.

Derzeit riecht es also noch nach bayerischem Holz, aber unsere Zulieferer sagen schon, es wird langsam schwieriger wegen des Borkenkäfers, und deswegen muss man irgendwann weiter Richtung Süden gehen. Wahrscheinlich verbauen wir dann in Zukunft auch mal Bäume aus Hinwil. Wir wollen eben erstklassiges Holz, besonders für unsere Resonanzböden: Die Fichten müssen über 200 Jahre alt sein, über 1.000 Meter Höhe gewachsen und noch dazu in einem windstillen Tal stehen: Nur dann sind die Jahresringe so nah und regelmässig beieinander, dass eine ideale Schwingungsübertragung ermöglicht wird.

Es ist auch so schön, egal wo auf der Welt ich bei unseren Händlern zu Besuch bin: Wenn ich da reinkomme und es gibt eine Werkstatt, dann riecht es direkt so wie bei uns. Also diese Mischung aus Holz, Leim und all dem – da fühle ich mich dann direkt immer zuhause. So war das auch in eurer Sigrist-Werkstatt.

Gab es schon mal einen Kunden, der selber in der Werkstatt mitgewirkt hat bei seinem Flügel?

Das gab es schon, und es steht auch immer die herzliche Einladung, das zu tun. Wir hatten z. B. eine Familie hier aus der Region, die waren 2 Tage bei uns und haben die Fronten ihres Pianos mit Furnier passend zu ihrer Wohnzimmerwand gestaltet – das fand ich richtig schön. Oder eine Kundin hat ihren Zitronenholzflügel mit so schwarzen Streifen drauf selber designt, mit einem ganz tollen Notenpult.

Was waren sonst ein paar Spezialanfertigungen, die euer Team über die Jahre erschaffen hat?

Ich hatte zuletzt sehr viel Spass mit einem Kuhflügel – da ging es um das Design jeder einzelnen Kuh. Der ist an einen Handyspielentwickler gegangen, einfach ein lustiger Mensch und eben absoluter Kuhfan.

Tatsächlich gehen drei von vier unserer Flügel und Klaviere ins Ausland – in die ganze Welt: von einem Konzertsaal in Tokio über Washington bis in eine Kirche in Dänemark.

Oder letztens hatten wir einen Kunden, der meinte, er konnte sich noch nie entscheiden, welches Licht er in seinem Flügelzimmer haben möchte. Er findet Lampen nicht schön – ob wir ihm nicht ein Licht in die Tastenklappe einbauen könnten. Nun, wenn man die Klappe öffnet, geht ein dimmbares Licht an, die Klaviatur ist perfekt ausgeleuchtet, und er kann es drumherum dunkel haben, wenn er möchte.

Und nur etwa 150 Leute pro Jahr haben das Glück, einen frisch gebackenen Steingraeber-Flügel zu bekommen?

Ja, ich sehe keinen richtigen Grund, mehr als 150 Instrumente im Jahr zu bauen. Ich mag es sehr gerne, zu wissen, welche Instrumente gerade gebaut werden und wo sie stehen. Ehrlich gesagt hat man zu manchen schon echt früh eine Verbindung. Also teilweise ist da gerade mal die Mechanik gesetzt, und man denkt sich schon so: Ai, der klingt aber schön.

Allein unser Manufakturgebäude hat schon sehr reale Limits. Das ist von 1898, da gab’s noch keine 2,75 m Flügel. Das heisst, auch euer neuer E-275 wurde per Aussenkran von Stockwerk zu Stockwerk transportiert, um durch die verschiedenen Manufakturschritte zu gelangen – der passt nicht in den Aufzug.

Ein altes Gebäude – in dem aber Innovationen zum Leben kommen, wie z. B. eine schmalere Klaviatur?

Ja, diese Innovationen entstehen meist durch Einzelpersonen, die eine Idee haben, auf uns zukommen und etwas umsetzen wollen. Im Fall der schmalen Klaviatur war es Prof. Ulrich Hench von der Hochschule für Musik in Nürnberg, hier um die Ecke.

Erst hat er uns nur gebeten, in einen bestehenden Flügel eine schmalere Klaviatur einzubauen. Zu der Zeit hatten wir sehr viele Besucher hier, und durch deren Kommentare haben wir schon gemerkt: Oh, das Interesse ist wirklich gross.

Dann kam der nächste Kunde und wollte das auch haben. Aus irgendeinem Grund kommen die Leute dann immer gleichzeitig und wollen dieselbe Neuerung. Das war ein Privatkunde aus London, gar nicht mal eine kleine Person, aber eben mit sehr kleinen Händen. Er ist in Tränen ausgebrochen, als er hier ankam und seine neue Klaviatur, die 2,4 cm pro Oktave schmaler war, gespielt hat. Er meinte, er konnte nie wirklich Liszt oder Rachmaninow spielen, weil er es einfach nicht greifen konnte. Das war für ihn so ein intensiver Moment.

Oft sind es Profis, die sagen: Ich bin an einem Punkt, wo ich das jetzt brauche. Beim Sordino-Pedal z. B. wollte Jura Margulis eine Schubert-Aufnahme machen, und bei Schubert steht ziemlich oft in den Noten „CS“ – „Con Sordino“ – „Mit Sordino“.

Er wollte das Original spielen, aber nicht am historischen Flügel, sondern an einem modernen Flügel mit Sordino-Pedal. Es könne nicht sein, dass man Schubert nur unauthentisch spielen kann. Seitdem fanden das so viele Leute so schön, dass wir das nun in alle unsere Konzertflügel einbauen. Auf Anfrage natürlich auch in alle anderen unserer Flügelmodelle. 2025 haben wir sogar in das erste aufrechte Klavier ein Sordino-Pedal eingebaut.

Und ja, ich muss wirklich sagen, der Effekt im Konzertsaal ist unglaublich. Als ich das zum ersten Mal erlebt habe, war das in einem grösseren Saal, mit einem Publikum, das das so nicht kannte. Da stand dieser Konzertflügel und konnte schon diese ganze Brillanz rausfeuern, so richtig performen ohne Ende. Und dann fängt die Pianistin an, mit Sordino zu spielen, und auf einmal hatte das so einen ganz verträumten, altertümlichen Touch. So einen Klang, der wie aus der Zeit gefallen erscheint.

In dem Moment habe ich realisiert, wie das ganze Publikum zusammengezuckt ist, in dem Sinne von: Was passiert hier? Was ist das für ein Klang? Woher kommt der? Der ist ungewöhnlich! Ja genau – also man kann das Publikum damit wirklich richtig überraschen und hat eben noch ein bisschen mehr Möglichkeiten im Ausdruck.

Das steckt in deiner DNA, praktische wie auch klangliche Innovationen voranzutreiben, was?

Könnte sein – alle Generationen haben schon immer ihr Stück an Innovation hervorgebracht. Mein Vater hat schon vor 40 Jahren eine Bluetooth-Steuerung für Leute im Rollstuhl entwickelt – und zwar per Bluetooth-Kaugummi. Den konnte man beissen, um das Pedal zu drücken. Ja, es gab schon immer verrückte Ideen, die wir dann aber auch einfach umsetzen. Das führen mein Bruder und ich jetzt als Geschäftsführer-Duo fort.

Die Beratungsleistung meines Vaters nehmen wir natürlich noch gerne in Anspruch. Wir können immer auf ihn zugehen, um ihn zu fragen – wofür ich auch sehr dankbar bin. Er ist – ähnlich wie unser Cheftechniker Wolfgang Schäffler – im „Unruhestand“. Letzterer macht noch 2 Tage die Woche bei uns mit, kann sich auch einfach nicht verabschieden, was aber auch richtig schön ist. Beide sind seit über 45 Jahren dabei.

Was bewunderst du an deinem Bruder?

Einige Sachen – er kann sich super schnell auf neue Situationen einstellen, im Kopf hin- und herspringen. Das finde ich richtig gut. Und er kann, egal in welcher Situation, immer Scherze machen.

Besagtes anderes Familienmitglied, den Hund, der damals mit in Benis Werkstatt war – gibt es den noch?

Leider seit Januar 2024 nicht mehr. Er war aber auch fast 16 Jahre alt – für so einen grossen Labrador-Golden-Retriever-Mix ja schon ziemlich alt. Ich glaube, er hatte wirklich viel Spass hier und wollte deshalb einfach nicht gehen. Er ist den ganzen Tag durchs Haus gelaufen, hat alle Leute begrüsst, war immer mit dabei und hat ständig was aus der Küche abgestaubt.

Jetzt macht ihr erstmal Hundepause?

Nicht mehr allzu lang, hoffe ich. Es ist nur die Frage, wann ein guter Zeitpunkt kommt. Man weiss ja, ein kleiner Welpe ist sehr anstrengend am Anfang und dann müssen wir einen Zeitpunkt finden, wo gerade kein Klavierbauer-Kongress in Neuseeland ist und keine Musikmesse in Shanghai. Wenn man mal so einen Zeitraum findet, in dem die nächsten zwei, drei Monate ein bisschen entspannter sind – dann.

Besagten Hund, Nepomuk, haben wir bekommen, da war ich 11 Jahre alt, da hatte ich natürlich ausserhalb der Schule sehr viel Zeit für sowas und habe mir auch ohne Ende Hundeerziehungsbücher durchgelesen. Dann war ich zum Trainieren die ganze Zeit hier im Park nebenan und habe ihm alles beigebracht.

Kommst du auch ohne Nepomuk noch gut in die Natur?

Schon, da achte ich drauf – hier in Bayreuth ist die Natur nah. Und es ist wirklich schöne Natur: Wald und Hügel. Vielleicht gehe ich allerdings in Berlin sogar noch ein kleines bisschen mehr spazieren als in Bayreuth. Ich hab einen guten Freund, mit dem ich mich manchmal samstags einfach nur zum Spazierengehen treffe – und dann laufen wir 10 Stunden durch die Stadt. Da hatte ich schon mal 40.000 Schritte beisammen.

Ich spiele auch Tischtennis. In Berlin, aber auch hier in Bayreuth gerne mit meiner Mutter. Sie war früher im Tischtennisverein, demnach macht sie mich immer fertig. Wir haben hier auch eine Platte auf dem Firmengelände.

Morgens mit Deutschlandfunk aufwachen, abends mit Klaviermusik einschlafen?

Im Normalfall nicht (lacht). In Berlin mache ich interessanterweise noch mehr Klaviermusik an, z. B. wenn ich koche. In Bayreuth höre ich die Musik eben tagsüber, bin viel an den Instrumenten und im Geschäft wird ja auch viel gespielt.

Selber Klavierspielen ist für mich eher was für den Sonntag. Aber ich habe mit 3 angefangen und hatte auch eine richtig tolle Klavierlehrerin damals. Ich habe immer gesagt, ich bin mit ihr vor allem befreundet, und wir haben dann manchmal einfach 2 Stunden Musik zusammen gehört, nur um genau zu entscheiden, was das nächste Stück ist, das ich lernen sollte.

Das Klavier, auf dem ich das Spielen gelernt habe, steht jetzt unten bei uns in der Ausstellung, ist aber als Museumsstück unverkäuflich. Es ist ein 1-Meter-Klavier aus Zitronenholz, sowas haben wir in den 60er und 70er Jahren gebaut. Das klingt richtig süss, ich mag’s immer noch richtig, richtig gerne. Es sieht auch einfach aus wie ein Kinderklavier, und dem bin ich nun mal entwachsen.

Gab es jemals einen Auftritt von Fanny Steingraeber an einem Steingraeber-Piano?

Nein, das überlasse ich den Profis (lacht). Gesungen habe ich eine Zeit lang, war im Schulchor und habe neben Klavier auch Trompete sowie Cello gespielt. Manchmal auch zusammen mit meinem Bruder, der Schlagzeug gespielt hat. Nicht im Keller – schön bei uns im Haus und richtig mit Rums (wie Liszt damals).

Die andere Stelle, wo sich mein Klavierberuf und meine Leidenschaft für Politikwissenschaft überschneiden, ist übrigens: Mir ist es wichtig, Kultur zu fördern und zugänglich zu machen. Meine erste Amtshandlung in der Firma, als ich 12 Jahre alt war, war, die Tickets für Kinder, Azubis und Studenten günstiger zu machen – sie bezahlen bei uns immer 5 € – wobei die Ticketeinnahmen immer zu 100 % an die Künstler gehen.

Ich würde sagen, man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig Kultur gerade in schwierigen politischen Zeiten ist. Wenn es irgendwo schlecht läuft, ist Kultur ein wichtiger Teil davon, dass es wieder besser wird. Wir brauchen Kultur und dann leben wir auch besser zusammen. Das kann der ganz kleine Kneipengesangsverein sein, wo sich 10 Leute treffen, eure Werkstattkonzerte, bis hin zu einem 1000-Personen-Chor, der die Menschen zusammenbringt.

Zuletzt – was steht auf deiner Liste an Pensionierungsprojekten, wenn mal die nächste Generation übernimmt?

In meinem Freundeskreis hatten wir schon so mit 17 die Idee, dass wir irgendwann mal die Welt umsegeln wollen, so zu zehnt auf einem Segelschiff. Wer weiss, wer weiss – ich habe 2 Freunde, die einen Segelschein machen wollen. Das sind alles Sachen, die noch Jahrzehnte dauern können, aber warum nicht eine Weltumsegelung, das wäre eine Idee.

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