Beni erzählt

Zum Wochenende hin erhalte ich die Aufträge für die kommende Woche. An und für sich etwas ganz Normales. Doch bin ich immer wieder gespannt, wenn ich Aufträge für Kunden erhalte, wo vom Klavier oder Flügel keine Seriennummer, kein Modelltyp etc. vorhanden ist.  So geschehen auch bei einem Kunden, der mich in einen Zivilschutzraum kommen liess.

Beim Eintritt stellte ich fest, dass es sich beim Kunden um eine ‘Grösse’ im Jazz-Bereich handeln muss … überall Poster von berühmten Musikerinnen und Musikern. Doch was mich vor allem beeindruckte war die schiere Anzahl von Klavieren, Flügeln und Trompeten, die da standen. Meine erste Sorge war, dass ich durch eine ungeschickte Bewegung gleich ein ‘Trompetendomino’ auslöse …!

Der Besitzer all dieser Instrumente ist Marco Dreifuss, in der Jazz-Szene eine sehr bekannte Grösse. Ich kenne kaum einen Pianisten, der so viele Stunden mit seinen Flügeln verbringt. Da einige dies wissen, erhält er immer wieder Instrumente, die sonst entsorgt würden. 

Meine Aufgabe besteht dann darin, aus diesen – zum Teil sehr beklagenswerten Instrumenten – wieder etwas Spielbares zu ‘formen’. So auch kürzlich wieder, als ich von ihm für einen ¾ Tag gebucht wurde. Er sagte mir: «Weisst Du, ich freue mich schon Tage vorher, bis Du wieder kommst!»

Meine Sorge, dass ich wieder etwas Brauchbares aus den Instrumenten hervorzaubere, ist jedes Mal da. Also komme ich und lasse mir gespannt die heutigen Arbeiten zeigen. Mein Auftrag ist es, nebst dem mir längst bekannten Steinway Flügel noch einen kleinen Blüthner Flügel und einen grossen 230 cm langen Blüthner-Flügel (ca. 100-jährig) zu stimmen.

Als ich diesen 230er Blüthner leise anspielte, erklang … kein Ton … Schock! Beim langsamen Hinunterdrücken der Tasten gingen die Hämmer nur bis 15 mm vor die Saiten hoch und kehrten wieder um … jämmerlich … in all den Jahrzehnten davor hat kein Techniker irgendetwas Gutes an diesem Flügel getan. Schnell entschied ich mich, die Zeit primär an diesem Instrument zu investieren. Die Regulierung der Mechanik lag meilenweit daneben. Die Staubdecke über dem Instrument war auch nicht gerade einladend.

Je mehr Zeit ich diesem Instrument widmete, umso mehr staunte ich, was da gerade am Entstehen war. Wie jedes Mal kam selbstverständlich wieder Zeitdruck auf, weil die möglichen Arbeiten mit jedem erfolgten Arbeitsschritt anwachsen: Ein gelöstes Problem öffnet den Blick auf zwei weitere …! Nun, als ich zur Stimmung des Flügels kam, staunte ich immer mehr, welch wunderbares Instrument hier steht. Am Schluss bekam ich Hühnerhaut, als ich ein paar sanfte Klänge auf dem 230er Blüthner erklingen liess. Jetzt funktioniert auch ein Pianissimo wieder wie selbstverständlich.

Die Begeisterung von Marco ist dann jeweils grandios … und alle Mühen waren wie weggepustet. Sein Gehör ist so meisterlich geschult, dass ihm kein Geräusch, kein falsch klingender Ton entgeht – manchmal sorgt dies bei mir für Kopfzerbrechen, weil er auch immer wieder Geräusche hört, die ich noch nie vorher an einem Instrument beheben musste … Oder was das Stimmen betrifft; manchmal sagt er mir: «Beni, das Instrument ist so verstimmt, dass es keinen Spass mehr macht …» Auf den ersten Anschlag höre ich überhaupt nichts Schlimmes. Wie immer muss eine ordentliche Stimmung wieder in einen perfekten Konzertklang verwandelt werden … Jeder Besuch bei Marco ist voller Überraschungen … und nie langweilig! 

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